Alles an der Geschichte von Jay Brannans junger Karriere klingt unwahrscheinlich. Legionen von Kritikern, sowohl privat als auch beruflich, trotzend, gelang es ihm auf untypische Art eine unglaublich eingeschworene Gefolgschaft zu begeistern. Obwohl er aufgrund vermeintlicher Begabung aus der Schauspielschule geflogen war, betrat er die Filmarena mit einer herausragenden Leistung in dem 2005er Streifen „Shortbus“, und erlangte Kult Starstatus in Folge der weltweiten Veröffentlichung des Films. Nachdem er während seiner Erziehung im Süden der USA gezwungen war, sich zusammenzureißen, verwandelte er sich zu einem Blitzableiter für Ausgestoßene indem er zu sich selbst fand: einem neurotischen und inspirierenden Durcheinander. Jay ist ein New Yorker über den Umweg Texas und Kalifornien mit einigen Zwischenstopps. Als ein (ernstlich) gescheiterter Baptist aus dem Süden zog er um die Jahrhundertwende nach L.A., um der Schauspielerei nachzugehen.

Im Alter von 20 Jahren nahm er zum ersten Mal die Gitarre in die Hand, gerade als er ein Alkoholproblem losgeworden war. Diese neue, gesündere Abhängigkeit setzte sich durch und er begann ohne Unterricht, aber mit einer CD-Sammlung von lange vergessenen Sängerinnen. Ein paar gescheiterte Liebesgeschichten später befand sich Brannan in New York beim Vorsprechen für John Cameron Mitchells Experimentalfilm „Shortbus“. Nachdem er die Rolle bekam, landete er in einer Welt von Darstellern, in der er sich zum ersten Mal als kreativer, professioneller Künstler wohl fühlte. “Endlich lernte ich, mir als Künstler zu vertrauen und begann zu glauben, dass ich etwas beizutragen hätte. Ein Konzept, dass mir in den wenigen Jahren, in denen ich eine Karriere in der Unterhaltungsbranche anstrebte, ausgetrieben wurde.” Jays Stück “Soda Shop” wurde zum meist herunter geladenen Titel der Filmmusik. Er begann seine Lieder bei Veranstaltungen im Zusammenhang mit dem Film zu spielen.
Dies gab ihm eine internationale Plattform, um seine Musik vorzustellen. Und dann „küsste“ ihn das Internet. Als leidenschaftlicher Schlafloser verbrachte Jay unzählige Stunden im Internet, pflegte seine Netzwerke und beantwortete E-Mails aus der ganzen Welt. Seine wachsende Fangemeinde lud eine Laptop-Darbietung von „Soda Shop“ um 3 Uhr am morgens, die sich auf seiner Website befand, bei YouTube ab. Seitdem ist das Filmchen über 1,5 Millionen Mal abgerufen worden. “Ich war Irgendeiner, der mit seinem Computer rumgespielt hat und dachte niemand würde dieses Video ansehen, als ich es eingestellt habe. Ich vermute mal, ich lag falsch.” Seitdem hat Brannan jeden Song auf diese Weise zugänglich gemacht, sobald er geschrieben war. Diese Online Videos haben es zusammen auf mehrere Millionen Abrufe gebracht und die Reaktionen haben ihm die Sicherheit gegeben, seinen musikalischen Ambitionen professionell nachzugehen.
Jays Online Fangemeinde hat physische Formen angenommen als Jay begann in seiner Heimatstadt New York in ausverkauften Clubs zu spielen. Nachdem er sich entschlossen hatte, sein Glück auch in der Ferne zu suchen, folgten erste, vorab ausverkaufte Auftritte in Städten so weit verstreut wie London, Paris, L.A., Toronto, Vancouver, Cape Town und Tel Aviv. Jede Show ist gewürzt mit einer gesunden Brise an Kommentaren, die oftmals Niederlagen und Frustrationen in seinem täglichen Leben erklären. Manchmal rannte er direkt nach seinem Tagesjob als Korrektor zum Flughafen und spielte ein Konzert in einer anderen Stadt, um dann am nächsten Morgen wieder bei der Arbeit zu erscheinen. Innerhalb eines Jahres schaffte er es von kleinen Clubshows in die ausverkauften Theater Manhattans. Jays spartanische, selbstveröffentlichte EP „Unmastered“ wurde bei iTunes 30.000 Mal heruntergeladen. Eine limitierte Auflage von 1.000 CDs – jede Kopie mit einem anderen Polaroid von Jay versehen - verkaufte sich innerhalb eines Herzschlages. Dass Jay Brannan auf seinem eigenen Label „Great Depression“ veröffentlicht, fühlt sich dann ganz natürlich an. Er folgt Ani DiFrancos Beispiel, einer Künstlerin, die ihn inspiriert, und witzelt: “Wenn Du in der Lage bist, Deine Arbeit in einem großen Gebiet verfügbar zu machen und dabei die Kontrolle über Deine Songs, Deinen Sound, Dein Image und Deine Identität behalten kannst — warum solltest Du diese Möglichkeit nicht der Verherrlichten und irreführenden Idee vorziehen, zu ‘gesigned’ zu werden?.” goddamned wurde in Los Angeles mit dem Produzenten Will Golden aufgenommen. Es entstand im Winter 2007 und erscheint im August 2008. Während der Aufnahmen zu dem Album hat Brannan zum ersten Mal mit anderen Musikern zusammengespielt. “Alles was ich bis jetzt gemacht habe, geschah aus reinem Instinkt heraus. In dem Moment, wo man andere Instrumente und Menschen involviert, kommt etwas Mathematik ins Spiel. Es war ein Riesenschock für mich, dass ich einen stetigen Rhythmus wählen und mich an ihn halten musste.” Textlich ähnelt das Album einer Umarmung, nachdem man geschlagen worden war. Es gibt echt romantische Momente wie der Liebesbrief an einen nicht existierenden Freund in „Housewife“. Häufiger aber ist eine unterschwellige Ängstlichkeit, die dieses Glück hintergeht. Es erscheint dem Hörer so als vergingen Jays Tage mit Unentschlossenheit, Selbsthass, unerwiderter Liebe, anonymem Sex, beißender Missachtung und Dämonen, denen man nicht ausweichen kann. In seiner Welt betrügt der Prinz die Prinzessin und die gute Fee verbringt ihre Abende mit Abtreibungen, und nicht mit dem Herbeizaubern eines Ballkleides (“Ever After Happily”). Der größte Erfolg des Albums ist seine Ehrlichkeit im Umgang mit Tabuthemen. Dazu Brannan, “Das Wort ‘goddamned’ ist ein sehr passendes Eigenschaftswort für mich, mein Leben, die Art, wie ich denke und fühle, und die Entscheidungen, die ich getroffen habe. Wenn konservative Menschen ein Problem damit haben, dass ich diese Bezeichnung bereitwillig annehme, dann hätten sie es mir erst gar nicht aufdrücken dürfen.”















